Umweltverbände befürchten drohenden „Verkehrsinfarkt“ in München

Wieso können in München keine Stadtplanungsprinzipien durchgesetzt werden, die in Millionstädten wie London, Wien und Tokio bereits zum Standard gehören? Ein Bündnis aus Umwelt- und Verkehrsverbänden kritisiert den mangelnden Willen der Stadt, nachhaltige und sozial-gerechte Mobilität zu ermöglichen.

Mit einem 10-Punkte Plan trat das Bündnis aus Green City e.V., ADFC München, Fuss e.V., Verkehrsclub Deutschland, Bund Naturschutz Bayern e.V und dem Arbeitskreis Attraktiver Nahverkehr am 03. September 2014 an die Stadt heran. Jetzt, genau ein Jahr später, überprüfen sie ihre Forderungen an die große Koalition und stellten fest: im Bereich nachhaltige Mobilität hat sich fast nichts getan. Gerade mal drei der zehn Punkte wurden von der Stadt teilweise realisiert.

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Entgegen des 10-Punkte Planes für nachhaltige Mobilität fördere die Stadt neue Auto-, U-Bahn und S-Bahntunnel. Andreas Schuster von der Umweltorganisation Green City e.V. sieht das gerade in Bezug auf München sehr kritisch: „München ist bereits heute die mit Abstand am dichtesten besiedelte Stadt Deutschlands. Tendenz rasant steigend. Vergräbt die Stadt weiterhin dringend benötigte Steuergelder, anstatt eine sinnvolle Stadt- und Verkehrsplanung voranzutreiben, die auf den Umweltverbund und kurze Wege setzt, dann erleben wir einen Verkehrskollaps.“

Der Platznot könnte mit der Reduzierung von Parkplätzen und der Umlagerung auf Car-Sharing und Leihradsysteme entgegen gewirkt werden. KFZ-Stellplätze nehmen im Bereich des mittleren Rings eine Fläche von 170 Fußballfeldern ein, öffentlicher Raum, der dringend gebraucht wird. Nach dem Beispiel Tokios könnte sich das Bündnis vorstellen, dass Stellplätze auf lange Sicht nur noch privat zu vermietet werden.

Weiterhin müsse der Umweltverbund gefördert und ausgebaut, eine Stadtplanung der „kurzen Wegen“  voran getrieben und eine einzige Münchner Mobilitätskarte für die Nutzung des ÖPNV, der Car-Sharing und Leihradangebote angeboten werden. Den Bürgerinnen und Bürgern soll die umweltfreundliche Fortbewegung so angenehm wie möglich gemacht werden, meint Wolfram Liebscher vom Vekehrsclub Deutschland: „Die Politik muss es den Nutzerinnen und Nutzern einfach machen. Ein gemeinsamer Zugang zu ÖPNV, Radverleihsystem und Car-Sharing-Angeboten ist dringend nötig, um Nutzungshemmnisse abzubauen und neue Kunden zu gewinnen.  Wir fordern bezahlbare Mobilität aus einer Hand.“

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Das Leiradsystem der MVG (MVG-Rad) und der Antrag der Stadtrats SPD „München mobil“ zum Ausbau von Fahrradschnellwegen wurden diesbezüglich als positives Zeichen wahrgenommen. Dabei dient die Stadt Wien den Umweltverbänden als Vorbild, die bereits eine Mobilitätskarte in ihr Leihsystem integrierten.  Außerdem werden bald gut lesbare Stadtpläne auf Stelen in München angebracht, durch die sich Touristen und Einheimische besser orientieren können. Die Förderung des Laufens durch dieses Fußgängerleitsystem nach dem Beispiel Londons wurde von den Verbänden gelobt.

Trotz dieser positiven Entwicklungen empfinden die Umweltvereine die Stadt als kaum experimentierfreudig. Gerade wenn es um die Einschränkung des Autoverkehrs zugunsten anderer, umweltfreundlicherer Verkehrsmittel geht, bliebe die Stadt hart.  Besonders an prominenten Beispielen wie der Rosenheimerstraße sei zu beobachten, wie wenig für nachhaltige Mobilität wie den Ausbau eines Fahrradstreifens getan werde, sobald die Interessen der KFZ-Lobby eingeschränkt werden könnten.

Die Umweltverbände sehen also noch viel Potential, die Mobilität in Münchnen unter dem Motto „kompakt, urban, grün“ ein Stück nachhaltiger und sozial-gerechter zu gestalten.

 

Fotocredits: (1) Flickr/ Ed Suominen (2) Green City e.V., 10-Punkte-Plan (3) Green City e.V., Radlhauptstadt München

2 Kommentare zu “Umweltverbände befürchten drohenden „Verkehrsinfarkt“ in München”

  1. Warum tun sich in München die Stadtpolitik und Stadtverwaltung so schwer damit, hier und jetzt (einigermaßen wirksame) Stadtplanungsprinzipien durchzusetzen, die in Millionstädten wie London, Wien und Tokio bereits zum Standard gehören?

    Antwort A)
    München hat ja noch gar nicht die Größe von London, Wien (na ja, vielleicht bald) oder Tokio erreicht und wir haben in der Innenstadt überraschenderweise noch gar keine derart massiven Verkehrsprobleme erlebt, wie es sie in London oder Tokio als Erfahrungs- bzw. Erstauungs-Erlebnisse schon gegeben hatte. Vielleicht braucht es also in München erst noch einen „heilsamen“ Schockzustand, . . .

    Antwort B)
    Derzeit gibt es allein in München etwa 670.000 zugelassene PKW und das ergibt für die Münchner Stadtpolitik und Stadtverwaltung eine vergleichsweise einfache Gleichung:
    670.000 PKW = 670.000 Auto-BesitzerInnen = 670.000 WählerInnen
    Da leben also 670.000 WählerInnen mit einer eingebauten Reaktions-Automatik „Mein Auto => meine Freiheit => mein Parkplatz vor der Haustür => Wer davon etwas bedroht, bekommt Ärger!“ und deshalb ist das kommunalpolitische Überlebens-Prinzip „Feigheit vor dem Feind“ nur zu gut verständlich.

    Antwort C)
    Wenn wir uns in München von heute 1.500.000 StadtbewohnerInnen auf 1.700.000 bis 1.800.000 (Alt- und Neu-) MünchnerInnen vergrößert haben werden und die Münchner PKW-Zahlen erreichen daraufhin die Zulassungs-Grenze von 900.000 Fahrzeugen / Stehzeugen auf Münchens Straßen und die auswärtigen EinpendlerInnen (100.000 PKW + X) stellen sich hier auch noch dazu, dann kommt A) der „heilsame Schock“ eh zu spät und B) wird die politische Feigheit von heute im Jahr 2015 von uns allen teuer bezahlt werden müssen. Daher bräuchten wir hier und jetzt ein großes Häuptlings-Wort „Damit München München bleibt!“ vom Oberbürgermeister Dieter Reiter, damit der enge Stadtraum Münchens (mit einer eh nur 310 qkm großen / kleinen Stadtfläche) für eine wirkliche lebenswerte Großstadt-Zukunft neu geordnet werden kann.

  2. Ludwig Engel sagt:

    Ich wohne und bin in München geboren, und für mich ist München die schönste Stadt der Welt. Ich würde sie nie für eine andere Stadt Europas verlassen. Aber ganz ehrlich, im Vergleich zu anderen Metropolen tut die Stadt kaum etwas, um der fehlenden nachhaltigen und sozial-gerechten Mobilität entgegenzuwirken.

    Da die österreichische Hauptstadt in diesem Artikel erwähnt wurde, würde ich gern meine Erfahrung mit Euch teilen. Diesen Sommer war ich für einige Tage in Wien und dort habe ich einen guten Freund von mir besucht. Um einen großen Teil der Sehenswürdigkeiten besuchen zu können, sollten wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Ein Einzelticket kostet ca. 2,20 für ganz Wien, was mir im Vergleich zu unseren 2,70 für eine Zone sehr gut vorkommt. Das Semesterticket meines Freundes kostet nur 75 Euro. Also, die Stadt versucht, die öffentliche Verkehrsmittel allen zugänglich zu machen und mit einem relativ niedrigen Preis fördert Wien eine höhere Nutzung von diesen.

    Zudem gibt es noch die sogenannten City Bikes. Die Registrierung kostet nur 1 Euro. Jedes Mal wenn du ein Rad ausleihst, ist die erste Stunde gratis, danach kostet es 1 bis 5 euro, habe ich schon vergessen. Wien ist eine Stadt, die die Mobilität fördert und uns als Vorbild dienen kann.

    Etwas Positives in München ist, dass es viele Umweltverbände gibt, die sicherlich in den nächsten Jahren die Situation verbessern werden. Außerdem gibt es viele Regelungen, die die Umwelt zu schützen dienen und viele Unternehmen beeinflussen. Als ich auf der Suche nach einer neuen Wohnung in München war, ist es mir aufgefallen, dass viele Bauträger, beispielsweise der Bauträger Demos</a , eine energiesparende Bauweise verwenden. Das ist auch eine positive, umweltschonende Änderung, der ich zustimme. Hoffentlich wird bald auch die Mobilität in unserer schönen Stadt verbessert!

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