Wem gehört das Wasser?

Es gilt als sicher, dass zwei Drittel aller Menschen im Jahr 2025 keinen Zugang zu Trinkwasser haben. Damit es anders kommt, fordert Experte Professor Wolfram Mauser, das blaue Gold zum Allgemeingut zu erklären. Renate Börger fragt den Buchautor Mauser („Wie lange reicht die Ressource Wasser?“), warum der Rohstoff immer knapper wird.

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Interview Renate Börger

Börger: Wasser wird nicht weniger und es wäre genug für alle da. Es gibt sogar einen wunderbaren Kreislauf, mit dem sich der Rohstoff Wasser immer wieder erneuert.
Mauser: Das macht die Natur für uns kostenlos. Wenn wir das selbst machen müssten, wäre es immens teuer, ja unbezahlbar! Es geht also nur darum, wie wir die Ressourcen nutzen und was wir mit dem Wasser machen.

Börger: Und wem wir es wegnehmen. Etwa wenn das eine Land am Oberlauf des Flusses fast alles für Ackerbau und Industrie verbraucht und dem anderen Land nur noch ein dünnes Rinnsal bleibt.
Mauser: Der zentrale Punkt ist die Ernährung und die Landwirtschaft. Für sie brauchen wir allein 70 Prozent des nutzbaren Süßwassers. Wir müssen dabei auf die gesamte Wertschöpfungskette schauen. Diese Sicht führt uns zum Begriff des ,virtuellen Wassers`. Damit ist Wasser gemeint, das indirekt in einem Produkt steckt, also für sein Wachstum und seine Herstellung gebraucht wurde. In einem Hamburger zum Beispiel – vor allem im Rindfleisch dazwischen – stecken 35 Badewannenfüllungen Wasser!“

Börger: Auch Monokulturen und unsinnige Bewässerungsarten sind bekannte Wassersünden. Haben wir über das Ökosystem Wasser dazugelernt?
Mauser: Ja, vieles verstehen wir in seinen Zusammenhängen heute besser. Vor allem gilt zu bedenken, dass der Wasserkreislauf keine Ländergrenzen kennt. Die wurden von den Menschen künstlich eingeführt. Wir müssen eine Bewirtschaftung der globalen Güter zur Erhaltung der Natur ansteuern. Wasser mit Schiffen von A nach B zu transportieren hat z.B. keinen Sinn. Sinn hat aber, mit dem
zu handeln, was man aus Wasser macht! Mit Nahrungsmitteln und Gütern eine Art Arbeitsteilung ansteuern.

Börger: Wie soll das gehen?
Mauser: Warum nicht zum Beispiel Solarenergie aus Jordanien gegen landwirtschaftliche Produkte aus Deutschland tauschen!? Wir brauchen eine Neuevaluierung der unterschiedlichen Fußabdrücke, die wir auf der Erde hinterlassen. Die Frage muss sein: Wovon hat jemand mehr, als er braucht? Es könnte sich als glückliche Fügung erweisen, dass diejenigen, die viel Wasser haben, unter
Energiemangel, und jene, die viel Energie haben, unter Wassermangel leiden. Das wechselseitige Ausgleichen von Defiziten könnte eine zukunftsträchtige Win-Win-Situation ergeben und die Natur schützen.

Börger: In welcher Rolle sehen Sie die UN?
Mauser: Die Erkenntnis des Klimawandels schafft neues Bewusstsein über die Weltgemeingüter und neuartige Vernetzungen. Die UNO, die aus ganz anderen Gründen gegründet wurde, übernimmt inzwischen eine ökologische Rolle und hat ein sehr ambitioniertes Umweltprogramm.

Börger: Kann man die Kommerzialisierung des Wassers verhindern?
Mauser: Wasser braucht einerseits einen Preis, damit wir sparsam damit umgehen. Aber ich will andererseits keiner Privatisierung das Wort reden. Ökonomische Mechanismen müssen im Sinne haushälterischer Umweltpolitik genutzt werden, denn wenn Wasser nichts kostet, läuft der Wasserhahn den ganzen Tag.

Börger: Soll die Nachfrage den Preis bestimmen?
Mauser: Die Preisgestaltung muss dem Primat des Politischen unterliegen. Es ist eine Grenzfrage zwischen Ressourcen, Politik und Moral. Wirtschaften ist ja kein Selbstzweck, sondern soll menschliche Lebensbedingungen verbessern. Das setzt demokratische Strukturen und glaubwürdige internationale Strukturen voraus. Das Ziel muss sein, einen sinnigen Ausgleich zwischen dem zu schaffen, was verschiedene Regionen zum globalen Wohlstand beitragen können. Das ist die große soziale Frage des 21. Jahrhunderts.

Buchtipp
Die Zukunft ist blau

Mit dem erfolgreichen Buch hat Wolfram Mauser ein Thema bekannt gemacht, das lange vernachlässigt wurde. Faktenreich und verständlich informiert der Stellvertretende Direktor des Departments für Geographie der LMU über die wachsende Bedeutung des knappen Rohstoffs und verleiht dem Begriff „virtuelles Wasser“ eine neue Dimension.

Mauser-Buchtipp

Wolfram Mauser:
„Wie lange reicht die
Ressource Wasser?“,
Fischer, 9,95 Euro

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