Welche Stadt wollen wir sein? Pfarrer Rainer Maria Schießler im Interview

Das Tollwood steht an und der Weltsalon lädt zu unterschiedlichen Podiumsdiskussionen. Am 5. Dezember geht es um die grundsätzliche Frage: „Welche Stadt wollen wir sein?“

Es diskutieren:

-Dr. Mazda Adli (Neurowissenschaftler und Mitbegründer des Forums „Stress and the City“ der Alfred Herrhausen Gesellschaft)
-Matthias Lilienthal (Intendant der Münchner Kammerspiele)
-Prof. Dr. Elisabeth Merk (Stadtbaurätin, Dozentin für Stadtplanung, Mitglied im Kuratorium Nationale Stadtentwicklungspolitik)
-Michael Stenger (Gründer der SchlaU-Schule, hat ein beispielhaftes Integrationsmodell geschaffen)
-Pfarrer Rainer Maria Schießler (Leidenschaftlicher Pfarrer und engagierter Verfechter des menschlichen Miteinanders)
-Karin Lohn & Dr. Margit Roth (Chefredakteurin und Geschäftsführerin von BISS)
-Christian Stupka (Gründer der Wogeno, der genossenschaftlichen Organisation für soziales und ökologisches Wohnen)

Mit einem der Teilnehmer wollten wir im Vorfeld schon reden, und zwar Pfarrer Rainer Maria Schießler. Er leitet die Gemeinde der katholischen Maximilianskirche im Glockenbachviertel. Wir haben uns mit ihm über Wohnungsnot und Armut in München unterhalten und darüber, welche Stadt wir denn sein möchten.

Grün & Gloria: Aufhänger für die Diskussion am 5.12. ist unter anderem die Aussage, dass zwar 66 Prozent der Münchner Migranten als Bereicherung für den Alltag sehen, trotzdem aber über die Hälfte aller Münchner ihre „geltenden Werte“ in Gefahr sehen. Was denken Sie darüber?

Rainer Maria Schießler: Das sind alles nur Zahlen. Entscheidend ist vor allem, in welchem Stadtteil man lebt: Im Glockenbachviertel stellt der Mitbürger mit Migrationshintergrund weder ideell, kulturell, noch religiös eine Gefahr dar. In anderen Stadtteilen mit prekärerer Lage sieht es anders aus: Viele reden von Überfremdung, treffen allerdings nie auf den „Fremden“.Wer war denn überhaupt schon einmal in einem Flüchtlingsheim oder in einer Hauptschulklasse, in der deutsche Schüler in der Minderheit sind? Wir hören viel zu sehr auf die Medien, wenn zehn Leute sagen, sie haben Angst, warum ich dann eigentlich nicht auch?

Gibt es in einem so diversen Viertel wie dem Glockenbach denn überhaupt einen „geltenden Wert“, den man in Gefahr sehen kann?

Das Problem der Überfremdung besteht im Glockenbachviertel nicht. Um uns mit Migration zu beschäftigen, müssen wir in andere Stadtteile gehen. Hier machen wir ein interkulturelles Gebet und fördern den Austausch der Religionen. Ich sehe die stattliche Zahl an Muslimen in München nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung. Meine Aufgabe besteht darin, meinen Leuten Wissen über unsere Religion zu vermitteln, damit wir im Austausch mit anderen Religionen auch etwas anzubieten haben und erzählen können. Etwas von sich selbst erzählen zu können ist der beste Weg, mit Vorurteilen aufzuräumen.

Die Süddeutsche Zeitung prognostiziert über 9.000 Wohnungslose in München bis zum Ende des Jahres. Spüren Sie in Ihrer Gemeinde deswegen Sorgen oder merken Sie das in anderen Vierteln?

Im Glockenbach sucht schon gar niemand mehr nach Wohnungen, hier bekommt man auf seine Anfrage meist schon gar keine Antwort. Armut in München hängt vor allem damit zusammen, dass man sich das Leben und die Mieten hier nicht mehr leisten kann, der Zuzug hier aber riesengroß ist. Die Mietpreisbremse ist ein Reinfall und es gibt immer mehr Luxuswohnungen – so wird ein Viertel geleert. Viele junge Leute würden sich gerne in der Gemeinde engagieren, wissen allerdings nicht, ob sie sich für längere Zeit verpflichten können, weil die Wohnsituation zu unsicher ist.

Das Thema im Weltsalon lautet „Welche Stadt wollen wir sein?“. Welche Stadt sollten wir Ihrer Meinung nach denn sein?

Vor allem sollten wir eine Stadt sein, in der man bezahlbar leben kann. Ich möchte keine ausgestorbene Innenstadt wie zum Beispiel in London, weil keiner mehr dort leben kann. Wir sollten außerdem eine Stadt sein, die von Vielfalt und regem Austausch von Kulturen und Religionen geprägt ist, in der wir miteinander Feiern und Arbeiten können. Wir sollten keine Angst vor der Andersartigkeit haben. Die Begegnung mit dem Fremden sollte sich nicht auf internationale Küche beschränken. Mein größter Wunsch wäre eine Stadt, in der man selbstverständlich auch in die Moschee oder Synagoge gehen kann und die Religion als Vielfalt menschlichen Denkens gesehen wird.

Worauf müsste man als katholische Kirche in so einer Gesellschaft achten?

Ich glaube, wir sind da schon relativ weit vorne dran. Unsere Kirchen sind offen und wir haben ja nicht nur die Gottesdienste sondern auch zum Beispiel die Pfarrhäuser. Ich betreue alle möglichen Gruppen, da würden wir niemanden ausgrenzen. Einerseits beherbergen wir Kindergärten, andererseits betreiben wir viel Flüchtlingshilfe, um Vorurteile abzubauen und Ausgrenzung zu verhindern. Das Evangelium besagt ja auch: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ Da ist nirgends die Rede davon, wer dieser Geringste ist.


In aller Kürze:

Was? Podiumsdiskussion „Welche Stadt wollen wir sein?“

W0? Weltsalon auf dem Tollwood, Theresienwiese München

Wann? 5.12., Einlass 19:00 Uhr, Beginn 19:30 Uhr

Tickets? Eintritt frei, Voranmeldung nicht mehr möglich, Warteliste unter umwelt@tollwood.de


Beitragsbild: ©Dieter Schnöpf



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