Ein Blick hinter die Kulissen des Weltsalons – Stephanie Weigel im Interview

Der Winter hat seit dem ersten Schnee vergangene Woche definitiv seinen Weg nach München gefunden und Winterzeit bedeutet auch, es ist wieder Tollwood-Zeit. Das Winterfestival findet seit dem 23. November auf der Theresienwiese statt. Dass man hier mehr findet, als nur Glühweinstände beweist Stephanie Weigel seit über zehn Jahren mit dem Weltsalon. Der multimedial gestaltete Raum präsentiert sich auch dieses Jahr wieder zu aktuellen gesellschaftlichen und ökologischen Themen. Diesmal als „Schauplatz der Demokratie“.

Aber wie sieht die Arbeit an einem so umfangreichen Projekt aus? Woher holt man sich die Ideen und wie gestaltet sich die Umsetzung? Wir haben uns mit Stephanie Weigel getroffen und haben über ihre Arbeit am Weltsalon geredet.

Grün&Gloria: Jedes Jahr gestalten Sie den Weltsalon neu. Wie gehen Sie bei der Planung vor?

Stephanie Weigel: Als aller Erstes setzen wir uns zu Jahresbeginn zusammen und lassen den letzten Weltsalon Revue passieren. Wir diskutieren ganz offen darüber, welche Themen in diesem Jahr besonders wichtig sind, denen aber kein Platz mehr im Licht der Öffentlichkeit eingeräumt wird. Aus diesem Mix entstehen immer das Hauptmotto und die einzelnen Themen.

Es handelt sich dabei um einen politischen, kreativen, freien Diskurs. Interessanterweise zeigt sich relativ schnell, worauf wir  den Fokus legen wollen, dann geht diese Gruppe wieder auseinander und jeder fängt an zu recherchieren.
Die Einen suchen nach Kunst und nach Installationen, die Anderen nach Referenten und Themen für die Podiumsdiskussionen; alles was sozusagen zu diesem Themenfokus passt, in den verschiedenen Formaten, die wir haben: von der Musik bis hin zum vortragenden Professor.

Der Weltsalon 2017.

G&G: Das Tollwood-Motto dieses Jahr lautet „Wir, alle“ – Wie kam Ihnen die Idee zum Thema des Weltsalons „Schauplatz der Demokratie“?

SW: Da haben wir tatsächlich sehr lange diskutiert, wie man eigentlich dieses Thema „Wir, alle“ gestalterisch einfangen kann. Wir kreisten in unseren Diskussionen immer mehr darum, dass der Gesellschaftskanon lautet: Zur Demokratie sagt jeder ja. Aber, wenn man dann über Frieden, Solidarität und Gleichberechtigung spricht, dann sind das Dinge, die schon fast was Angestaubtes haben, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Und genau das ist auch das eigentliche Problem: Wir nehmen Frieden, Solidarität und Gleichberechtigung so wahr, als wären sie schon immer da, als wäre es gottgegeben. Das ist wie auf einem Schauplatz der Vergessenheit. Ab da an war es der Schauplatz und wir haben uns an die Umsetzung gemacht.

G&G: Der Weltsalon ist ein multimedial gestaltetes Zelt. Woher ziehen Sie die neuen Projekte?

SW: So etwas funktioniert nur, wenn man in einem Team arbeitet, in dem jeder Einzelne für dieses Thema brennt und bereit ist, sein Bestes zu geben. Wir haben Leute, die verstehen viel von Kunst, von Politik und wir haben Leute, die sind eher Wissenschaftler. Wenn jeder für sich sagt: Ich gebe nicht auf, bis ich das aller Beste gefunden habe, was es zu diesem Thema gibt – dann kann einen auch nichts mehr aufhalten. Man findet entweder Künstler, wie jetzt zum Beispiel God’s Entertainment, die die „gefährliche Passage“ gemacht haben, oder wir machen es selber:  So etwas wie das Sofa der Toleranz oder das Werte verbinden. Das sind Dinge, die wir uns überlegen und dann auch wirklich umsetzen.

Ich schätze ein Viertel der Projekte sind externe, eingeladene Künstler. Alle anderen Installationen haben wir uns selber überlegt. Das Spannende ist hierbei ja auch, funktioniert das überhaupt – ich meine damit nicht die Technik, sondern verstehen die Besucher, was wir uns gedacht haben? Zum Beispiel beim Werte verbinden (siehe Bild unten), hier haben wir uns sehr viele Gedanken gemacht: dahinter steckt ein sehr komplexes Prinzip, was auf den horizontalen Achsen steht. Das sind immer Wertedimensionen, zwischen denen man sich entscheiden muss und wir haben niemals daran gedacht, dass die Besucher einfach kreuz und quer durch diesen Raum spinnen. Somit ist es viel besser geworden, weil man jetzt auch sehen kann, wo die Kernwerte sind. Daran merkt man dann auch wieder, dass es die Besucher sind, die das Kunstwerk vervollständigen.

G&G: 14 Installationsräume gibt es diesen Winter im Weltsalon: Haben Sie ein Lieblingsprojekt?

SW: Ja habe ich. Das eine Lieblingsprojekt ist der eben angesprochene Werteraum, weil der auf so unglaublich einfache Weise genau zum Punkt kommt – vor allem so emotional zum Punkt kommt. Das ist so eine unaufgeregte Installation, wenn ich aber davorstehe und weiß, ich habe nur ein paar Meter Faden und ich muss mir tatsächlich die Sachen raussuchen, die mir am wichtigsten sind. Das hinterlässt einen emotionalen Fußabdruck und regt die Bewegung im Kopf an. Das gefällt mir sehr gut.

Was ich auch sehr gerne mag, ist die „gefährliche Passage„: der schmale Grat über den Tintenpool, weil auch da ein wahnsinnig komplexes Thema einfach sehr emotional erlebbar heruntergebrochen wurde: Ich steh da oben und ich merke, es ist tatsächlich eine Gratwanderung und ein Wagnis. Dieses Wagnis habe ich nicht nur im Kopf, die spüre ich in diesem Moment auch im Bauch und stell mir tatsächlich die Frage: Was macht eigentlich den Unterschied, ob ich mir jetzt Sorgen mache und glaube ich gehe ein großes Risiko ein, oder nicht? Ich bin mir sicher, dass 90 Prozent unserer Besucher problemlos diesen Holzbalken überqueren könnten – aber, wenn man weiß, dass da unten Tinte ist, wird das Ganze plötzlich zur Herausforderung und man hat irgendwie Angst davor.

Und das finde ich eine ganz spannende Geschichte. Da gewinnt man ja auch eine Erkenntnis: Eigentlich ist das, was von mir erwartet wird, machbar. Das Kino findet nur in meinem Kopf statt. Das ist eine sehr wichtige Botschaft für die Verteidigung unserer offenen Gesellschaft. Man sollte zu sich sagen „Ich kann das“ und das alles ist gar nicht so eine reelle Gefahr. Auch die einzelnen Phasen machen einen Unterschied. Ist in dem Pool nichts drinnen, Wasser oder eben Tinte. Mit Hilfe einer Installation so etwas spürbar zumachen – das bewirkt einfach was. Das macht etwas mit den Menschen und genau das ist ja auch Ziel und Zweck des gesamten Weltsalons.

Die gefährliche Passage.

G&G: Können Sie sagen, es gab DEN tollsten und DEN schlimmsten Moment, bei der Arbeit am Weltsalon? Und wenn ja, welche waren das?

SW: Der schlimmste Moment war wahrscheinlich um 17.45 Uhr abends, als das Tweet-up stattgefunden hat und man das Gefühl hatte, wir werden nicht fertig. Schlussendlich ist es natürlich doch fertig geworden. Jedenfalls soweit, wie wir das wollten und konnten für diesen Abend. Und dieser Moment gehört natürlich auch zum Festival dazu. Zu sehen, man hat nur eine begrenzte Zeit und es passieren ganz viele Dinge, die unvorhersehbar sind – im positiven, wie im negativen Sinne. Aber am Ende schafft man es im Team halt doch immer.

Zum tollsten Moment gehört definitiv das Endresultat den Weltsalon zu sehen. Man hatte eine sehr lange Planungsphase, wenn man zu Jahresbeginn anfängt und gegen Ende November eröffnet. Zuvor gibt es tausend Pläne und Zeichnungen, es entstehen Vorstellungen im Kopf und irgendwann sieht man es dann real vor sich- da ist man einfach überwältigt. Dann kommt natürlich auch die spannende Frage auf, wie das was wir uns gedacht haben, bei den Besuchern ankommt. Die Besucher machen den Weltsalon ja erst vollständig.

G&G: Eine Weltverbesserer-Frage: Was muss Ihrer Meinung nach in München noch getan werden?

SW: Eine lebendige, offene und solidarische Stadtgesellschaft ist immer eine Dauerbaustelle. Das gilt besonders für München. München ist die am dichtesten besiedelte Stadt Deutschlands, da verdichten sich auch die Herausforderungen. Beispiel bezahlbarer Wohnraum: Das Leben in München muss wieder bezahlbar werden und dazu braucht es politisch gestaltete Leitplanken. Mietpreise und Quartiersplanungen darf man nicht den Gesetzen des Marktes überlassen. Ansonsten driftet München weiter auseinander – drinnen die Reichen, draußen alle anderen. In einem Stadtteil „die von hier“, im Anderen „die von woanders“. Ausgrenzung statt Miteinander. Das ist gesellschaftlicher Sprengstoff.

Gleiches gilt für die Stadt als Lebensraum: Wir müssen Platz zum Leben, zum Bewegen, zur Begegnung zurückgewinnen. Das schaffen wir nur, wenn Parkplätze zu Spielplätzen und Autostraßen zu Fahrradwegen werden, der ÖPNV den Individualverkehr zunehmend ersetzt. Hier ist jeder Einzelne gefragt – aber auch die Politik. Ich wünsche mir politisch Verantwortliche, die sich weniger dem Schlagabtausch und mehr der großen – gemeinsamen – Herausforderungen der Stadtgestaltung verschreiben. Und dies auf der Grundlage ethischer Werte. Die Leitfrage muss immer sein: Dient es dem solidarischen, toleranten und gerechten Miteinander in dieser Stadt – dem Wir?

Danke für das Interview.


Bild: © Bernd Wackerbauer



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