Gegen die Entwicklung: Mit den Kindern in die Natur

Stadtkindern und ihren Eltern ein paar Tage Urlaub auf einem Schäferwagendorf im Naturschutzgebiet zum Begegnen und Entdecken ermöglichen, so sieht die Idee der Münchnerin Pia Novak aus. Sie ist Journalistin, Autorin von Kinderbüchern, Nachhilfelehrerin und Mutter. Als Initiatorin des Projekts „Muck – das Entdeckerdorf“ versucht sie für ihr Vorhaben 20.000 Euro über Crowdfunding zu sammeln. Entstehen soll das kleine Dorf südlich von München – im Landkreis Bad Tölz/Wolfratshausen.
Hier geht’s zur Crowdfunding Kampagne und zum Endspurt!

Pia Novak

Flo Osrainik: Frau Novak, Sie haben Anfang November 2015 das Crowdfunding-Projekt „Muck – das Entdeckerdorf“ ins Leben gerufen. Worum geht es bei dem Vorhaben? Wie sieht das Konzept aus und an wen wollen Sie sich mit dem Projekt konkret richten?

Pia Novak: Bei meinem Vorhaben geht es grundsätzlich darum, gegen die allgemeine Entwicklung zu steuern, weil ich finde, dass wir in unserer Gesellschaft Gefahr laufen, in einer zu sehr technisierten Welt zu leben. Das betrifft natürlich vor allem unsere Kinder. Viele Kinder, vor allem jene aus der Stadt, verbringen viel zu viel Zeit vor Computern und Spielkonsolen. Sie bewegen sich zu wenig und haben kaum mehr Bezug zu unserer Umwelt. Ich bin davon überzeugt, dass wir alle, und vor allem Kinder, Naturerlebnisse brauchen um körperlich und seelisch gesund zu bleiben – wie etwa barfuß in einer Wiese laufen, den Duft von Blumen riechen, das Leben der Tiere beobachten und schlicht und ergreifend viel frische Luft. Leider steigt die Anzahl von Kindern mit Depressionen oder seelischen Krankheiten, was mich persönlich sehr alarmiert. Es gibt Studien darüber, dass Kinder, die etwa das Beruhigungsmittel Ritalin einnehmen, nach einer Woche in den Bergen dieses Medikament nicht mehr benötigt haben. Ich bin davon überzeugt, dass die Natur heilend auf Menschen wirkt. Mit meinem Feriendorf kann ich regional einen kleinen Teil dazu beitragen, dass Stadtmenschen wieder in die Natur kommen. Für eine Familie mit gutem Einkommen ist dies sicherlich nicht außergewöhnlich, da kann man sich einen Urlaub auf dem Bauernhof leisten. Es gibt aber viele Familien, vor allem Alleinerziehende, die sich Ausflüge außerhalb der Stadt kaum leisten können. Es reicht vielleicht noch für eine Fahrkarte mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, aber eine Übernachtung im Grünen ist dann oft schon nicht mehr drin. Mein Angebot richtet sich also an einkommensschwache Stadtfamilien. Es gibt in unserer Stadt zum Glück schon viele Ferienlager für Kinder. Wir weiten das Angebot noch aus, denn bei uns dürfen die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern Landluft schnuppern. Dann gibt es zum einen sicher weniger Heimweh und weniger Tränen als in einem Ferienlager. Zum anderen brauchen ja auch die Eltern die Erholung von der Stadt!

Wie kam es zu dieser Idee? Wieso Schäferwagen und woher rührt ihr Engagement?

Ich bin selbst in München aufgewachsen und hatte das Glück, an den Wochenenden und in den Ferien wunderschöne Tage auf dem Land zu verbringen. Ich habe tolle Erinnerungen daran – vom Schlafen auf dem Heuboden, der Kartoffelernte, dem Füttern der Hasen, dem Schlafen im Zelt…. Bei meiner Arbeit als Betreuerin an Schulen habe ich festgestellt, dass es viele Kinder gibt, aus sogenannten benachteiligten Familien, die aus ihrem Viertel oder gar aus ihren Wohnungen kaum raus kommen. Ich möchte diesen Kindern so schöne Kindheitserlebnisse in der Natur ermöglichen wie ich sie hatte. Schäferwagen sind komfortabel, robust und mobil. Wir können Schäferwagen kaufen und diese theoretisch auch schnell wieder an einem anderen Ort aufstellen, falls dies nötig wäre.

Weshalb sind private Initiativen dieser Art überhaupt notwendig? Ist ihr Engagement ein Ergebnis wachsender sozialer Ungleichheit, sind Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder schon zu früh und zu sehr auf Karriereoptionen fixiert, so dass Wesentliches, aber auf dem Arbeitsmarkt nicht verwertbares, wie ein Bezug zur Natur, vernachlässigt wird oder sind solche Projekte eher als ergänzende Freizeitoptionen zu betrachten?

Es ist tatsächlich zu beobachten, dass Eltern unter dem gesellschaftlichen Druck stehen, ihre Kinder schon sehr früh zu „akademisieren“. Als ich vor einigen Jahren einen Waldkindergarten gegründet habe, hat sich prompt eine Mutter angeboten, unseren Kindergartenkindern im Wald Englisch beizubringen. Viele Eltern glauben, dass ihre Kinder mehr Chancen im späteren Leben haben, wenn sie möglichst früh auf allen Ebenen gefördert werden. Meines Erachtens ist die Gefahr aber groß, dass Kinder unter diesem frühen Leistungsdruck resignieren und vor allem dabei nicht das Wichtigste erhalten, um als Erwachsener ihr Leben zu meistern: Nämlich Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Ich bin davon überzeugt, dass es Kinder glücklich und selbstbewusst macht, wenn sie gemeinsam mit Gleichaltrigen etwa erfolgreich und ohne die Kontrolle von Erwachsenen eine kleine Steinbrücke über ein Bächlein bauen, damit sie es trockenen Fußes überqueren können. Das macht sie sicher glücklicher als mit drei Jahren Chinesisch zu lernen.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie, wie ist die Resonanz auf Ihr Vorhaben?

Natürlich sind die Menschen begeistert, wenn sie hören, dass wir eine Wagenburg mit Schäferwagen errichten wollen, denn das empfinden eigentlich alle als etwas sehr Romantisches. Leider aber kennt die Mehrheit das Crowdfunding noch nicht. Was die meisten nicht wissen ist, dass wir keine Spenden sammeln, sondern dass jeder, der uns unterstützt eine Gegenleistung bekommt. Es ist also eine Investition – zum Beispiel in ein schönes Wochenende im Schäferwagen im Entdeckerdorf.

Für das Projekt gründen Sie gerade den Verein „Muck“. Von wem erhalten Sie Unterstützung und läuft das Crowdfunding bisher wie gewünscht?

Für das Crowdfunding wurden wir schon im Vorfeld von verschiedenen Unternehmen unterstützt, die uns Produkte zur Verfügung gestellt haben, die wir als Gegenleistung, als sogenanntes Tauschgut, unseren Unterstützern geben können. Wir müssen derzeit ordentlich die Werbetrommel rühren, da viele Menschen noch nichts von Crowdfunding gehört haben, und bisweilen auch skeptisch sind. Wir haben also nicht nur die Aufgabe, den Menschen vom Entdeckerdorf zu erzählen, sondern ihnen auch ein gutes Gefühl zu geben, wenn sie auf der Crowdfunding-Plattform place2help.org ihre Adresse und ihre Kontonummer angeben.

Zum Projekt: wie wird ein Urlaub im Entdeckerdorf ablaufen? Was können Kinder, und auch Eltern, alles erleben und zu welchem Preis?

Wir möchten einen Schäferwagen für eine Familie (vier Personen können darin übernachten) für weniger Geld als eine Jugendherberge kostet, anbieten. Unser Ziel ist, dass wir einen Schäferwagen für vier Personen für rund 30 Euro pro Nacht anbieten können. Wir stellen auch dass Bettzeug, lediglich Bettlaken sollen die Gäste selbst mitbringen. Vor Ort haben wir einen großen Bauwagen, der als Küche und Aufenthaltsort dient. Dort können die Gäste selbst kochen. Auf dem Gelände gibt es Beach-Volleyball-, Fußball- und Spielplätze. Außerdem einen kleinen Weiher, einen Waldlehrpfad, Bäche und ganz in der Nähe die Isar. Wir setzen in erster Linie auf Begegnungen der Kinder und Erwachsenen, denn aufgrund der geringen Größe unseres Dorfes geht es bei uns nicht so anonym wie in der Stadt zu. Kinder können gefahrlos ihre Umgebung erkunden, unsere Schafe füttern, Insekten beobachten, Staudämme und Waldhütten bauen, das Lagerfeuer mit neue gewonnenen Freunden genießen und vieles mehr.

Wenn Sie die Zielvorgabe von 20.000 Euro bis Ende Januar 2016 nicht erreichen sollten, wie geht es dann mit Muck e.V. weiter?

Wir wollen es schaffen und wir sind zuversichtlich. Wenn es nicht klappen sollte, wollen wir zwar nicht aufgeben, sondern versuchen, das Entdeckerdorf mit Sponsoren aufzubauen, aber dann wird sich die Realisierung des Entdeckerdorfes wohl um ein Jahr verschieben. Wir geben aber auf keinen Fall auf. Ich denke, dass ein Projekt wie dieses in München noch fehlt.

Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche Ihnen viel Erfolg.

Interview: Flo Osrainik

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